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ÜBER DIE FLUCHT

Trennlinie

„Machen wir uns fertig“, flüstert Hannes am Morgen dem Jungen.

Im Halbdunkel zieht er die Ausrüstung hinter dem losen Brett neben seinem Schlafplatz hervor. Dann verstauen sie die Sachen am Leib und warten auf das Signal zum Morgenappell.

An einem Dezembermorgen des Jahres 1945 beginnen der ehemalige Soldat Erwin Nuske und sein Freund Hannes ein Wagnis, das fern jeder Vorstellungskraft liegt: Sie brechen zu einer Flucht auf, die sie aus dem Arbeitslager im Fernen Osten der Sowjetunion zurück in die Heimat führen soll.

Erwin ist 21 Jahre, sein Kamerad - ein früherer Zirkusartist - fünfzehn Jahre älter. Vor einigen Monaten hat man sie in der sowjetischen Besatzungszone verhaftet und mit hunderten anderen Häftlingen in Viehwaggons Richtung Osten, in den tiefen Schlund Sibiriens, deportiert, bis sie jenes Lager in der Nähe des riesigen Flusses Amur erreichten, vierzig Tagesmärsche von der Hafenstadt Wladiwostok entfernt.

Sie sind zwei Wochen in diesem Lager, bis sie mit Unterstützung des hiesigen Arztes die Chance zur Flucht bekommen. Er hat ihnen eine bescheidene Ausrüstung für unterwegs zusammengestellt: Watteanzüge, ein Taschenmesser, ein paar Zündhölzer, Speck, Brot ...

An jenem Morgen sind sie zu einem Einsatz außerhalb des Lagers eingeteilt. Dabei gelingt es ihnen, auf einen vorbeifahrenden Güterzug zu springen und zu entkommen.

Unterwegs ist die Angst, entdeckt zu werden, ein ständiger Begleiter. Hier und da helfen ihnen Menschen aus den verarmten Dörfern. Man versteckt sie in Scheunen und unter Misthaufen, gibt ihnen Unterkunft, versorgt sie mit Nahrung.

Da ist die Hoffnung, die Flucht zu beschleunigen. Immer wieder versuchen Erwin und Hannes, sich in den nach Westen rollenden Güterzügen zu verstecken. Dies ist die Eisenbahnlinie der Transsib, an der sie sich Tausende Kilometer weit orientieren können. Verlieren sie sie aus den Augen, sind sie verloren in der Wildnis.

Da ist die Zweisamkeit zwischen inniger Freundschaft und aufloderndem Hass. Hunger, schwere Krankheiten, Erfrierungen - sie merken schnell, dass es einer ohne den anderen nicht schaffen kann. Als Erwin im beginnenden Frühling in das Eis eines Flusses bricht, ist es Hannes, der ihn vor dem Kältetod bewahrt. Und als Hannes schwer erkrankt und bald nur noch ein Schatten seiner selbst ist, opfert sich Erwin für ihn auf und holt unter der Gefahr verhaftet zu werden, die Hilfe von Rentiernomaden herbei.
Doch die ständige Nähe zwischen den Männern birgt auch Risiken. Oft gelingt es dem ungestümen Hannes und dem meist ruhigen Jungen nur im letzten Moment, nicht aufeinander loszugehen.

Da ist die Wildnis und der Winter. Jenseits der Zivilisation ernähren sie sich von Maden und Mäuseinnereien, die sie in der Taiga unter dem Eis finden. Sie schlafen in Schneehöhlen. Einer hält für den anderen Wache.
Im Sommer plagen sie Scharen von Mücken und Hornissen. Sie versinken in Sümpfen und schleppen sich durch reißende Bäche, bauen sich Flöße, um die mächtigen sibirischen Flüsse zu überqueren.

Da ist die Miliz. Fünfmal werden die Männer unterwegs verhaftet. Ihre wahre Identität bleibt dabei verborgen. Sie geben sich unter falschem Namen als Amerikaner aus, die sich verirrt haben. Jedes Mal gelingt ihnen auch die Flucht aus diesen Gefängnissen.

Da ist die Vergangenheit. In den Nächten wird Erwin von seinen Kriegserlebnissen in Stalingrad heimgesucht, und die Wucht der Erinnerungen lässt ihn schweißgebadet erwachen. Mehr und mehr fragt er sich, wie es möglich ist, dass ihnen, den Deutschen, die Russen in den Siedlungen so selbstverständlich weiterhelfen.

Auch Hannes hat seine Erinnerungen. An die Jahre im Zirkus, eine Reise nach Indien. An seine Frau und sein Kind. Er weiß nicht, ob sie noch am Leben sind. Doch die Bilder von ihnen sind seine stärkste Kraft, die Flucht und sich selbst nicht aufzugeben.

Anfang 1948 gelangen sie über die Grenze nach Polen. Als sie einer weiteren Verhaftung zu entkommen versuchen, wird Hannes angeschossen. Man nimmt beide fest. Hannes kommt in die Krankenstation des Gefängnisses, Erwin zur Arbeit in einer Papierfabrik. Die Wege der Freunde trennen sich hier.

Im Lager lernt Erwin seine spätere Frau Hedwig kennen. Als sie entlassen und zurück in die sowjetische Besatzungszone nach Frankfurt/Oder geschickt wird, verhilft sie Erwin zur Flucht in einem Güterwaggon.

Im Mai 1948 kehrt Erwin heim.

Er vermisst Hannes. Jeder Suchauftrag an das Rote Kreuz kommt ohne Ergebnis zurück. Er versucht zu vergessen, stürzt sich in Arbeit, umsorgt seine Familie. Die Schatten der Vergangenheit bleiben. Darüber zu reden vermag er nicht.

Erst 2004, als Erwin den beiden Rostockern Markus Möller und Ronald Prokein begegnet, die lange Reisen durch Sibirien unternommen haben, versucht er ihnen gegenüber das Erlebte auszusprechen. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Marlies schreibt er seine Erinnerungen auf.

Aus dieser ihn mehr und mehr ausfüllenden Aufgabe wird er 2005 unerwartet herausgerissen, als er nach einem Fahrradsturz in ein Krankenhaus eingeliefert wird.
Dort stirbt er wenige Tage später.

Markus Möller hat sich auf die Spuren von Erwin Nuske gemacht, hat die Stationen der Flucht besucht, ist mit der Transsibirischen Eisenbahn quer und mehrmals durch Sibirien gereist.